"MENTALE ORGASMEN" bei der Alpentour

Von 5. bis 14. Juli 2017 haben Tom Frühwirth und ich ein großes Projekt umgesetzt, eine für Handbiker äußerst ungewöhnliche und anstrengende Alpentour. Wir wollten mit dem Handbike einmal etwas Besonderes ausprobieren und zeigen, wozu Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung fähig sind.

In 10 Tagen erklommen wir 11 wunderbare Pässe in den Alpen. Von Italien aus starteten wir die Tour Richtung Frankreich, Schweiz, zurück nach Südtirol und abschließend nach Österreich. Den Abschluss bildete Österreichs höchster Berg, der Großglockern, der sich wettermäßig an diesem Tag nicht von der schönsten Seite zeigte.

Es war hart, aber die Mühen haben sich wirklich gelohnt
Bereits am ersten Berg (Colle Fauniera - 2511 m) musste ich den Plan, die Berge von beiden Seiten zu befahren,  verwerfen. Ich bin einfach kein Bursch der Berge und ich wollte die Tour bis zum Ende mit voller Energie durchziehen.

Am Plan standen auch 2 Berge der Tour de France: Alpe d'Huez ist echt hart, Col du Galibier dafür eher problemlos, obwohl mein Tacho 38° zeigte.

Klebrig wurde es am Col de la Madeleine (1993 m), da ich am Morgen im Tal in eine frische bitumierte Baustelle geriet. Bei der Abfahrt wurden die Räder wieder sauber. Bei der Abfahrt vom nächsten Berg (Col de I'lseran  2770 m) war ich in den Kehren etwas zuviel auf den Bremsen, womit die Scheibenbremse leider undicht wurde. Die Suche nach einem Ersatzteil stellte sich als eine eigene Tour heraus.


Freunde mit uns unterwegs

Immer wieder wurden wir von verschiedenen Freunden begleitet. Der Italiener Paolo Francione war gleich am 1. Tag dabei, die 7-fache Weltmeisterin im Paracycling Ursula Schaller aus der Schweiz begleitete uns am Weg zum Großen Scheidegg. Bei Claudia Schuller aus Plaus im Vinschgau schaute ich auf einen leckeren Nachmittagscafe vorbei.

Eine besonders freudige Überraschung war der Besuch bei meiner Tochter Jasmin, die ich auf ihrem Praktikumbetrieb in Luzern, im Restaurant "Nix in der Laterne" besucht.


Viele unterschiedliche Eindrücke und tolle Erlebnisse
Wir hatten fast alles erlebt, karge Landschaften in praller Sonne bis hin zu wunderbar saftige Berge, leider auch Wind, Regen und Kälte. Wir kamen durch idyllische Ortschaften, erlebten einsame Stille und  auch Massentourismus, wie zum Beispiel am Stilfser Joch. Jeden Muskel unseres Körpers lernten wir nochmal besonders kennen.


Hart am Limit
Die letzten drei Pässe waren richtig hart für mich, obwohl ich versucht habe, "dosiert" rein zu fahren, die Tritt- und Herzfrequenz zu regulieren und nicht zu überpacen. Ständig eine Höhe über 2.000 bis 2.500 m und die steilen Rampen am Stilfser Joch, Timmels Joch und am Glockner (lt. Tacho bis zu 28%) haben mir am Ende der Tour körperlich stark zugesetzt.


Großglocker fordert nochmals alle Energie
Die 5-stündige Fahrzeit bei der letzten Etappe, die 2280 Höhenmeter und unter Beobachtung (ORF und Fanclub) zu stehen, waren nochmal sehr hart zum Abschluss der Alpentour.
Zusätzlich war das Wetter grenzwertig. Am Morgen ging es noch, aber Richtung Mittag wurde es sehr unangenehm, nass und kalt. Die "saukalte" Abfahrt vom Fuscher Törl zum Hochtor und zur Kreuzung, wo es wieder rauf geht zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe, haben meine ohnehin schon stark gereizten Lippen noch mehr platzen lassen. Da waren die beiden Blasen an den Händen und die Schulterschmerzen noch harmlos.


Zahlen und Fakten
Insgesamt habe ich 15.330 hm (aufsteigend), 14.005 hm (Abfahrten - in einer mit 85,4km/h Topspeed), 492,0 km Fahrstrecke in 40 Std. und 42 Min. geschafft.
Und das immerhin mit einem zehn Jahre alten, 17,5 kg schweren Alu-⁠Handbike.

Ich bin nur happy in den letzten zehn Tagen elf der schönsten Alpenpässe aus eigener Kraft geschafft zu haben, konnte die Auffahrten teilweise sogar genießen und hoffe auf einen guten Trainingseffekt für die WM Ende September in Südafrika.


Mein Dank
geht an Thomas Frühwirth für die Planung, Organisation der Unterkünfte und kollegiale Verhalten wären der Tour. Glückwunsch und Respekt vor seinen sportlichen Leistungen. Es gibt weltweit wenige Behindertensportler mit solch einer Willenskraft.
Weiter an seine Freundin Barbara und an meinen verlässlichen Betreuer Rudi Wiesbauer aus Aurolzmünster. Er hat mit meinem Auto insgesamt 3.082 km und unzählige Spitzkehren und Kurven zurückgelegt.
Ohne die beiden wäre diese Tour nicht machbar gewesen.

Danke an den ORF, namentlich Gabi Jahn, die uns am Ende begleiteten. Das Behindertensportmagazin "Ohne Grenzen" wird im Herbst dazu einen Beitrag bringen.

Danke an meine Sponsoren und an die mitgereiste Familie und Fans zum Zieleinlauf am Glockner.

Was bleibt sind die Erinnerungen
Unser europäisches Hochgebirge in den Alpen ist genial, wunderbar, kraftvoll und sanft zu gleich - ich habe die Zeit genossen und die Eindrücke kann mir niemand mehr nehmen.

Colle dei Morti - auch genannt Colle Fauniere bei 2.511 m Seehöhe! Der Pass nahe der Grenze zu Frankreich hat mir meine Grenzen gleich ordentlich gezeigt.
Paolo Francione, Tom Frühwirth und ich "on the first Top".
Vormittagsetappe auf der Tour de France Strecke. Hut ab vor den Radprofis - volle Kanne rauf ist hart.
Col du Galibier (problemlos nur etwas warm - bis zu 37° am Tacho)
Col de la Madeleine - da bremste mich heute der frisch aufgetragene Bitumen im Tal. Mit den Steinchen am Rad war der Aufstieg steinig und klebig zugleich. Bei der anschließenden Abfahrt wurden die Räder wieder sauber.
Col de l'Iseran - toller Berg
Auffahrt vom Nobelskiort Val d'Isere in 2 h 10 min. Beim Runterfahren in den Kehren leider zu viel auf den Bremsen. Scheibenbremse wurde undicht und verlor Flüssegkeit. Nach dem 6. Radgeschäft hab ich die Suche aufgegeben
Oben angekommen am Nufenenpass war ein harter. Im Schnitt 10,5 % Steigung.
Abfahrt in der idyllischen schweizer Ortschaft Ulriching
Windräder in den Schweizer Alpen.
Auffahrt zum Großen Scheidegg auf 1962 m mit der 7-fachen Weltmeisterin im Paracycling Usula Schwaller aus der Schweiz
Gemeinsam mit unseren treuen Begleitern
Regen, Regen
Erste längere Regenfahr
Überraschungsbesuch bei Tochter Jasmin in Luzern.
Harter Anstieg zum Passo di Gavia
Wieder gut angekommen im Hochgebirge Italiens - runter über Santa Catarina nach Bormeo
Interview vor der Abfahrt
Stilfser Joch. Wunderschöner Aufstieg auf 2760 m, ober den "Schock": Massentourismus mit Bratwürstlstand und jede Menge Souveniers - muss nicht sein.
Ganz schön viel los hier.
ORF Team mit Gustav Thöni zum Thema Behindertensport. Gustav Thöni hat ein Hotel am Stilfser Joch
Wunderbarer Ort für ... (ein Interview)
Nachmittagskaffee bei Claudia Schuller aus Plaus im Vinschgau
Abfahrt um 6.20 aus Moos im Passeiertal
Hinauf auf das Timmelsjoch (2509 m)
Oben angekommen, nasse Kleider aus und umziehen für die kalte Abfahrt.
Fertig zur Abfahrt Richtugn Sölden/Ötztal - kalt wars
War schon am letzten Zacken unterwegs. Motivierende Anfeuerungsrufe vom Wegrand
Start zur letzten Etappe an der Mautstelle Ferleiten mit dem Chef der Glocknerstraßen AK
Letzter Aufstieg der Tour
Oben angekommen am Großglockerner...
... und von Familie und Fanclub empfangen!
Leider kein gutes Wetter zum Schluß.
Im Kreise meiner Liebsten.
Fanclub-Obfrau Pauline Glück beim Interview.
Toller Abschluß mit tollen Menschen. Danke an alle!
 
 

Die Alpenpässe im Detail:

1. Etappe: Colle del Morti (2481 Meter Seehöhe)
2. Etappe: L’Alpe d’Huez (1860 m) - Col du Galibier (2645 m)
3. Etappe: Col de la Madeleine (1993 m)
4. Etappe: Col de l’Iseran (2764 m)
5. Etappe: Nufenenpass (2478 m)
6. Etappe: Grosse Scheidegg (1962 m)
7. Etappe: Gaviapass (2618 m)
8. Etappe: Stilfser Joch (2757 m)
9. Etappe: Timmelsjoch (2509 m)
10. Etappe: Großglockner (2504m)

Alpentour - King of Mountain

Stecke

492 Kilometer
15330 Höhenmeter

Fahrtzeit

40 Std. 42 Minuten

Spitzengeschwindigkeit

85.4 km


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